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Bildung
14.12.2020
14.12.2020 10:38 Uhr

Genaue Erkenntnisse über Frühe Bildung

Wie ist der Entwicklungstand und wie steht es um die Deutschkenntnisse der 162 Gossauer Kinder, die im Sommer 2022 ins Kindergartenalter kommen? Die Schule Gossau will diese Fragen mit einer Erhebung beantworten.

Die Kindergarten-Lehrkräfte der Schule Gossau melden seit Jahren, dass die Zahl der Kinder, die beim Eintritt in den Kindergarten die deutsche Sprache nicht oder nur mangelhaft beherrschen, im Steigen ist. Und sie stellen weiter fest, dass diese Kinder mit einem eindeutigen Defizit in ihre obligatorische Schulzeit starten – ein Defizit, das nur schwer und mit grossem finanziellem und organisatorischem Aufwand aufzuholen ist.

Altersentsprechende Entwicklung
Der Gossauer Schulrat hat auf diese Beobachtungen reagiert und Schulrätin Ruth Lehner unter dem Stichwort „Frühe Förderung“ beauftragt, für die Schule Gossau die Gründe für diese Entwicklung zu ermitteln und geeignete Massnahmen vorzuschlagen. Dieser Auftrag steht nicht im Zusammenhang mit der Frühförderung der sozialen Dienste der Stadt Gossau. Deshalb ist es auch sinnvoll, in der Folge von früher Bildung zu sprechen, um Missverständnissen vorzubeugen.

Als ehemalige Kindergärtnerin und studierte Erziehungswissenschaftlerin befragte Lehner zuerst alle Kindergartenlehrpersonen. Dabei zeigte sich eine Auffälligkeit: Die Mehrzahl der Kinder, welche vor dem Einstieg in den Kindergarten eine Institution wie etwa eine Spielgruppe oder eine Kita besucht haben, zeigt eine „altersentsprechende Entwicklung ohne Auffälligkeiten“. Die Kinder, die keine vorschulische Institution besucht haben, zeigen teilweise „eine nicht altersentsprechende Entwicklung“.

Kontakt zu anderen Kindern wichtig
Die Umfrage brachte zwei zentrale Erkenntnisse. Ruth Lehner: „Die Kenntnis der deutschen Sprache ist für den problemlosen Einstieg in den Kindergarten und die weitere schulische Entwicklung von zentraler Bedeutung. Und für Kinder, welche zuhause nicht oder nur wenig Deutsch sprechen, ist der regelmässige Kontakt zu deutschsprechenden Kindern im Vorschulalter der beste Weg, um rasch und unkompliziert zu lernen, sich auf Deutsch zu verständigen.“

Untersuchungen der Universität Basel haben ergeben, dass Kinder in einer Gruppe mit mehrheitlich deutschsprechenden Kindern, welche sie mindestens zwei – bis dreimal pro Woche besuchen, ihre Voraussetzungen für den Eintritt in den Kindergarten optimieren. Zudem ist es ein wichtiges Anliegen, dass Eltern, welche neben der Muttersprach die deutsche Sprache gut sprechen, diese auch mit dem Kind im Jahr vor dem Kindergarten im Alltag bewusst anwenden.

Erhebung bei den Eltern
Eine erste Massnahme zur Verbesserung der Situation ist eine Erhebung bei allen Eltern von Kindern, die zwischen August 2017 und Juli 2018 geboren wurden. Dabei nutzt die Schule Gossau einen standardisierten Fragebogen der Uni Basel und die Erfahrungen verschiedener Schweizer Städte. Ruth Lehner: „Wir wollen so genau wie möglich festhalten, wie weit die Kinder die deutsche Sprache beherrschen und wie ihr Entwicklungsstand ist.“ Der Fragebogen enthält Fragen zum Kind, welche die Eltern von sich aus beantworten können. Zusätzlich müssen die Eltern ihren Kindern eine Reihe von Testfragen stellen und deren Antworten notieren.

Für die Umfrage werden die betroffenen Eltern Mitte Januar 2021 angeschrieben. Sie werden über den Sachverhalt informiert und auf den digitalen Fragebogen hingewiesen, der in 14 Sprachen vorhanden ist.

Resultate bis Ende März
Die Daten werden von der Uni Basel ausgewertet. Ruth Lehner: „Die Resultate sollten per Ende März vorliegen und zeigen, welche Kinder unbedingt eine vorschulische Institution besuchen sollten, damit sie Mitte August 2022 den Eintritt in den Kindergarten und damit in die Schulpflicht ohne Rückstand in Angriff nehmen können. Die betroffenen Eltern werden dann von uns auf die Möglichkeiten für den regelmässigen und intensiven Besuch vorschulischer Institutionen hingewiesen.“

Gossau und Umgebung hat dazu mit Kitas und Spielgruppen ein vielfältiges Angebot, das genutzt werden kann. „Wir wollen künftig die Eltern der Vorschulkinder noch früher informieren können. Dazu benötigen wir genauere Daten. Es geht dabei nicht nur um Migranten, sondern auch um Schweizer Vorschulkinder, die sprachlich noch Entwicklungspotential haben.“ Ruth Lehner ist überzeugt, dass sich die frühe Bildung bezahlt machen wird: „Alles, was wir in diesem Alter in die Entwicklung der Kinder investieren, erhalten wir später mit mehrfachem Benefit zurück.“

Investition zahlt sich aus
Dass die Eltern beim Ausfüllen des Fragebogens sich wahrscheinlich von subjektiven Eindrücken leiten lassen, sei kein Problem, erklärt Ruth Lehner. „Der Fragebogen ist so aufgebaut und formuliert, dass auch dies bei der Auswertung berücksichtigt wird. Wir werden genau sehen, welche Kinder wenig mit der deutschen Sprache vertraut sind oder eine verzögerte Sprachentwicklung haben. Und so können wir frühzeitig etwas dagegen unternehmen.“ Ruth Lehner ist überzeugt, dass sich die Investition in den Besuch der Spielgruppen oder anderer Institutionen lohnt. „Das kostet zwar etwas, bringt aber über die ganze Schulzeit betrachtet auch Erleichterungen für Kinder und Lehrkräfte sowie Minderausgabe für spätere Korrekturmassnahmen.“ Wie eine allfällige Beteiligung der Eltern an die Kosten aussieht, gilt es nach der Erhebung mit verlässlichen Daten zu klären.

Ruth Lehner scheidet per Ende 2020 aus dem Schulrat aus. „Die aufgegleiste Erhebung ist quasi mein Abschiedsgeschenk an die Schule Gossau“, sagt sie lachend. „Im neuen Schulrat wird voraussichtlich Brigitte Ziegler meine Aufgabe bezüglich der frühen Bildung übernehmen.“

 

Stadt Gossau