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Kanton SG
18.12.2020
20.12.2020 09:33 Uhr

Corona-Wunder in St.Galler Pflegeheim

Das St.Galler Pflegeheim Bruggen trotzt dem Coronavirus: Während der ganzen Pandemie ist kein einziger Bewohner erkrankt. Was macht es besser als andere Heime?

«Wir haben noch immer sehr viele Fälle in Alters- und Pflegeheimen. Die zweite Welle hat die Einrichtungen hart getroffen», sagte Regierungsrat Bruno Damann an einer Pressekonferenz der St.Galler Regierung.

Während diese Aussage auf viele Pflegeheime in der Stadt zutrifft, gibt es aber auch Ausnahmen: Im Pflegeheim Bruggen an der Ullmannstrasse im Westen der Stadt ist kein einziger der 92 Bewohner am Coronavirus erkrankt - und das, obwohl täglich Besucher empfangen werden. Das Durchschnittsalter der Betagten liegt bei 87. Ein Wunder? stgallen24 hat Heimleiter Werner Schläpfer gefragt, was das Heim besser gemacht hat. 

Werner Schläpfer, wie haben Sie es geschafft, dass das Virus Ihrem Heim fernbleibt?
Mit gesundem Menschenverstand und einer grosser Portion Glück. Ich kenne Heime, in denen es ganz anders aussieht und seit Wochen Quarantäne ansteht. Auch bei uns kann sich die Lage schnell ändern, aber bis jetzt sind wir während der ganzen Pandemie verschont geblieben.

Wir haben alle Hygienemassnahmen strikt eingehalten, haben die Bewohner bei Grippesymptomen sofort getestet und für eine kurze Zeit – bis das Testergebnis da war – isoliert. Auch bei den Mitarbeitern haben wir penibel darauf geachtet, dass die Vorschriften erfüllt werden.

Die Bewohner dürfen Besuch kriegen. Wie läuft das ab?
Ja, das Altersheim ist zum Glück noch geöffnet. Alle Besucher müssen sich anmelden und ihre Kontaktdaten hinterlassen. Sie dürfen sich mit den Bewohnern nur im Foyer und Restaurant aufhalten. Wir messen bei allen Besuchern die Temperatur und sie müssen durchgehend eine Maske tragen. Sollte es doch dazu kommen, dass Angehörige ins Zimmer wollen, dann nur unter Absprache mit unseren Mitarbeitern. Die Besuchszeit ist begrenzt und zwar zwischen 13.30 und 16.30 Uhr

«Unsere Bewohner dürfen noch immer raus, auch mal einkaufen gehen. Wir wollen ihnen keine Freiheiten wegnehmen. »
Werner Schläpfer, Leiter des Pflegeheims Bruggen

Nun gibt es Stimmen, die sagen, dass sich das Virus in Heimen so schnell verbreitet habe, weil das Schutzkonzept mangelhaft gewesen wäre. Was sagen Sie dazu?
Das kann ich nicht bestätigen. Wir haben ein sehr gutes Schutzkonzept. Wie Robert Etter, Präsident von Curaviva, gesagt hat, gibt es Besucher, die ihre Maske ausziehen und die Massnahmen umgehen. Doch mehrheitlich haben wir sehr gute Erfahrungen mit den Angehörigen gemacht.

Und wie gehen die Bewohner mit diesen neuen Regeln um?
Das Zusammenleben hat sich durch die Coronakrise nicht gross verändert. Die Bewohner müssen keine Masken tragen im Heim, dürfen in Gesellschaft sein - und jene, die können und mögen, dürfen noch immer zum Einkaufen um die Ecke oder mal Bus fahren, um bisschen rauszukommen. Wir möchten ihnen ihre Freiheiten nicht wegnehmen.

«Erklären Sie mal einer 90-jährigen Dame, warum sie in ihren letzten Lebensjahren ihre Liebsten nicht mehr sehen kann.»
Werner Schläpfer, Leiter des Pflegeheims Bruggen

Weihnachten steht vor der Tür. Wie regeln Sie das mit den Besuchen zu Hause?
Weihnachten ist tatsächlich eine Knacknuss. In den vergangen Jahren war es immer so, dass die Bewohner ihre Familien besuchen konnten und auch dort übernachtet haben. Der Heimverband Curaviva empfiehlt nun, Besuche zu Hause generell zu unterlassen. Sollten es Bewohner dennoch vorziehen, die Festtage bei ihrer Familie zu verbringen, empfiehlt Curaviva eine zehntägige Quarantäne der Heimbewohner nach ihrer Rückkehr. Dieser Empfehlung werden wir nachgehen. 

Das wird bestimmt viele Bewohner traurig stimmen, oder?
Natürlich würden sich die Bewohner freuen, wenn sie im engen Familienkreis feiern könnten! Aber man muss sich den Gegebenheiten anpassen und es wäre fahrlässig, wenn wir unkontrollierte Besuche zulassen würden. Besonders jetzt, wo die Lage so angespannt ist. Verbieten kann man es aber nicht, deshalb setzen wir auf Aufklärung. In diesem hohen Alter kann es sein, dass es für manche das letzte Weihnachtsfest ist. Deshalb ist die Situation schon sehr speziell.

Feiern Sie im Heim auch Weihnachten?
Ja, natürlich! Das machen wir so oder so. Gemeinsam mit den Bewohnern und dem Personal gibt es jedes Jahr ein Weihnachtsfest. Nur dieses Jahr ohne Angehörige und mit Schutzkonzept. 

Was würde ein Lockdown für das Pflegeheim bedeuten?
Das würde bedeuten, dass wir unsere Türen für Besucher schliessen müssten. Das wäre bedauerlich, weil soziale Kontakte auch eine Medizin sein können. Erklären Sie mal einer 90-jährigen Dame, warum sie in ihren letzten Lebensjahren ihre Liebsten nicht mehr sehen kann. Da gibt es schon einen psychischen Druck, der spürbar ist. Sollten die Pflegeheime tatsächlich schliessen, dann werden wir das aber hinnehmen. Ich wünsche mir seitens BAG und Regierung aber klare und deutliche Entscheidungen. 

Miryam Koc, stgallen24.ch / gossau24.ch