Wirtschaft
09.04.2020

Ausstiegsstrategie aus Lockdown nötig

Die Ostschweizer Unternehmen tragen die Massnahmen des Bundes zur Eindämmung des Coronavirus mit. Für die Zeit nach dem 26. April erwarten sie aber, dass der Bundesrat Szenarien und die Stossrichtung für den Ausstieg aus dem Lockdown kommuniziert.

Gestern Mittwoch hat der Bundesrat kommuniziert, den Lockdown vorerst um eine Woche bis zum 26.April zu verlängern. Ostschweizer Unternehmen müssen sich also weiterhin mit massiven Einschränkungen abfinden. Insgesamt attestieren sie dem Bund aber gute Noten für sein Krisenmanagement. Die zweite Corona-Unternehmensumfrage der beiden Industrie- und Handelskammern (IHK) St.Gallen-Appenzell und Thurgau liefert nun konkrete Zahlen.

Breite Zustimmung für Massnahmen des Bundes
Demnach stehen die Unternehmen grösstenteils hinter den Massnahmen des Bundes: Drei von vier Unternehmen befürworten diese als angemessen und ausreichend, lediglich 18% erachten sie als zu einschränkend (Abbildung 1).

Auch das Wirtschaftspaket sowie die Informationspolitik des Bundes finden Anklang: Drei Viertel erachten die Unterstützungsmassnahmen in Art und Umfang als angemessen und ausreichend. Gar 94% zeigen sich zufrieden mit der Informationsführung seitens des Bundes. Diese Zahlen wurden zwischen dem 2. und dem 6. April erhoben und berücksichtigen die gestern kommunizierte Verlängerung des Lockdowns noch nicht. Dennoch widerspiegeln sie die grundsätzlich breite Zustimmung der Ostschweizer Unternehmen für das Krisenmanagement des Bundes.

Grosse Unsicherheiten
Doch die Unsicherheit ist gross: Zwei Drittel der Umfrageteilnehmer halten Investitionen zurück, neun von zehn Unternehmen rechnen mit Erschwernissen in der Geschäftsentwicklung. Fast jedes zehnte Unternehmen (8.8%) geht deshalb davon aus, dass bei unveränderter Lage in den kommenden vier Wochen Kündigungen ausgesprochen werden müssen. Ein weiterer Viertel kann solche zum aktuellen Zeitpunkt nicht ausschliessen. Noch am vergangenen Wochenende forderte über die Hälfte der Unternehmen eine Aufhebung des Lockdowns nach dem 19. April. Der überwiegenden Mehrheit ist indes bewusst: Eine solche Lockerung kann nur schrittweise und unter Wahrung der BAG-Vorgaben wie Abstandsregeln, Hygienemassnahmen, Schutz besonders gefährdeter Arbeitnehmer/innen und Selbstquarantäne bei Symptomen erfolgen. Demgegenüber sind 29.3% der Umfrageteilnehmer der Ansicht, dass die Fachleute und Entscheidungsträger/innen des Bundes die Lage am besten beurteilen können und angemessen über die Dauer des Teil-Lockdowns entscheiden.

Bundesrat muss Szenarien und Stossrichtung für den Ausstieg aufzeigen
Der gestrige Mittwoch hat gezeigt: Das Virus nimmt keine Rücksicht auf dieses Stimmungsbild der Wirtschaft. Der Bundesrat sah sich gezwungen, den Lockdown zu verlängern. Dieser Entscheid ist zu akzeptieren. Allein der Bundesrat hat – auf Basis der epidemiologischen Entwicklung – über den Startzeitpunkt und die Geschwindigkeit des Ausstiegs aus dem Lockdown zu bestimmen. Er hat bisher insgesamt überzeugend und verhältnismässig durch die Krise manövriert. Grundsätzliche Kritik an seinem Krisenmanagement ist deshalb derzeit genauso wenig angebracht wie politische Grabenkämpfe oder persönliche Selbstprofilierung.

«Umso entscheidender wird nun aber eine frühzeitige und klare Kommunikation zur Ausstiegsstrategie aus dem Lockdown», so IHK-Direktor Markus Bänziger. Denn die Sorgen und Forderungen der Wirtschaft seien äusserst ernst zu nehmen. Die Ungewissheit drohe die Unternehmen zu lähmen, was den Wirtschaftskreislauf langfristig beschädigen und Arbeitsplätze weiter gefährden würde. Der starke Anstieg der Arbeitslosenzahlen, der in der Ostschweiz bereits im März 11% (Appenzell Ausserrhoden) bis 14% (St.Gallen) betrug, müsse gestoppt werden. Für die IHK St.Gallen-Appenzell stehen deshalb aktuell folgende vier Punkte im Vordergrund:

  • Die Szenarien und Begleitmassnahmen für den Ausstieg aus dem Lockdown sind vom Bundesrat rasch und angemessen zu kommunizieren. Nur so kann die Wirtschaft die dringend notwendige Planung für die Rückkehr in den Normalbetrieb vorantreiben.
  • Der Ausstieg aus dem Lockdown hat – zu gegebener Zeit – kontrolliert und schrittweise, aber dennoch zügig zu erfolgen. Die Wirtschaft ist sich ihrer Verantwortung bei der Durchsetzung der epidemiologischen Sicherheitsmassnahmen bewusst.
  • Das bundesrätliche Hilfsprogramm sowie die subsidiären kantonalen Massnahmen sind in Härtefällen zu justieren.
  • Die Rückkehr in den Normalzustand ist unweigerlich mit bestmöglichen Testkonzepten und massgeblich erhöhten Testkapazitäten – sowohl auf SARS-CoV-2 als auch auf Immunität – zu begleiten. So wird gewährleistet, dass immune sowie wenig risikobehaftete Personen möglichst uneingeschränkt ihrer Arbeit nachgehen und zur Versorgung der Bevölkerung beitragen können.

Insgesamt leisten die Unternehmen einen massgeblichen Beitrag zur Bewältigung der Krise. «Um diese Verantwortung weiterhin wahrnehmen zu können, brauchen sie nun aber Klarheit über Ausstiegsszenarien und Begleitmassnahmen, um in Eigenverantwortung die Versorgungssicherheit des Landes, die Beschäftigung und damit das Einkommen der Bevölkerung zu sichern», so Bänziger.

 

Zur Umfrage

Die IHK St.Gallen-Appenzell und die IHK Thurgau haben die Umfrage zwischen dem 3. und dem 6. April unter ihren Mitgliedunternehmen durchgeführt. Insgesamt haben 821 Unternehmen daran teilgenommen. Die vollständigen Resultate können hier abgerufen werden.

Die Umfrage ist Bestandteil einer Umfrageserie zur Coronakrise unter Ostschweizer Unternehmen. Ziel dieser Umfrageserie ist es, ein systematisches Bild zur Verfassung, der aktuellen Risikoeinschätzung und der Zukunftsperspektiven der Ostschweizer Wirtschaft zu entwickeln und über den Krisenzeitraum nachverfolgen zu können. Die Umfrage wird vorerst im Zweiwochen-Rhythmus wiederholt. Die Resultate und Analysen zur ersten Umfrage können hier abgerufen werden.

 

 

MIK/PD